Über das Projekt

Die Deutschen in Aserbaidschan: Eine Geschichte von Integration und Einfluss

Die Geschichte der deutschen Siedler ist ein bedeutender Bestandteil der Geschichte Aserbaidschans. Historische Quellen belegen, dass bereits Anfang des 18. Jahrhunderts die ersten deutschen Siedler auf Initiative Kaiser Peters I. ins Russische Reich kamen. Anfang des 19. Jahrhunderts, unter Kaiser Alexander I., dessen Ehefrau deutscher Herkunft war, begann die gezielte Ansiedlung von Deutschen im neu ins Russische Reich eingegliederten Südkaukasus.

Ankunft und erste Siedlungen

Die Auswirkungen der Napoleonischen Kriege waren in vielen Teilen Europas spürbar, besonders im Königreich Württemberg. Die fruchtbaren Böden des Südkaukasus erschienen als vielversprechende neue Heimat. Im Herbst 1817 trafen die ersten deutschen Siedler ein und gründeten die Kolonie Marienfeld. Bereits 1819 wandte sich eine Gruppe Siedler an General Alexei Jermolow, den russischen Gouverneur des Kaukasus, mit der Bitte, sich nahe der Stadt Ganja niederlassen zu dürfen. Diese Bitte wurde gewährt, und noch im selben Jahr entstand die Kolonie Helenendorf (heute Göygöl) auf dem Gebiet eines zerstörten Dorfes am Ufer des Ganjachay-Flusses. Später folgte die Gründung von Annenfeld (heute Shamkir) sowie weiterer Siedlungen, darunter Georgsfeld, Aleksejewka, Elisawetinka und Traubenfeld.

Von Beginn an wurden die deutschen Siedler von der aserbaidschanischen Bevölkerung mit Offenheit und Unterstützung empfangen. Diese gegenseitige Akzeptanz förderte ein harmonisches Zusammenleben.

Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung

Die deutschen Siedler waren in zahlreichen Bereichen aktiv und brachten ihre Fachkenntnisse in Landwirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Gesundheitswesen ein. Helenendorf entwickelte sich schnell zum Zentrum der deutschen Gemeinschaft und zu einem wichtigen Wirtschaftszentrum der Region. Besonders der Wein- und Getreideanbau florierte. Die Deutschen förderten zudem Seidenproduktion, Tabakanbau und Reisanbau. Unternehmen wie „Handelshaus Benkendorf und Co.“ engagierten sich in der aufstrebenden Ölindustrie der Region Baku.

Auch das deutsche Unternehmen Siemens spielte eine bedeutende Rolle: Zwischen 1864 und 1865 errichtete Siemens in Aserbaidschan die Gedabey-Kupferhütte, baute 1883 eine Eisenbahn und förderte Kobalt in Dashkesan. Zudem errichtete Siemens in Baku Kraftwerke wie Bibi-Heybat.

1912 wurde in Helenendorf am Ganjachay-Fluss das erste Wasserkraftwerk Aserbaidschans erbaut. Die Gebrüder Forer führten als erste Telefonkommunikation in Aserbaidschan ein.

Kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften

Helenendorf war nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein kulturelles Zentrum. Bereits 1842 wurde hier eine deutsche Schule gegründet, 1854 begann der Bau der St.-Johannes-Kirche, die 1857 eingeweiht wurde. Wissenschaftler wie Jacob Hummel, Otto Wilhelm Hermann von Abich und Karl Eduard von Eichwald trugen zur Erforschung der Geologie und Archäologie Aserbaidschans bei. Heinrich Friedrich Emil Lenz untersuchte in den 1830er Jahren die Schwankungen des Kaspischen Meeres.

Die deutschen Architekten hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts prägten sie mit ihrem Stil das architektonische Bild von Baku. Zu den herausragenden Architekten zählten Johann Wilhelm Edel, Adolf Wilhelm Eichler und Nikolaus August von der Nonne. Ihre Werke vereinten europäische Stile mit lokalen architektonischen Elementen. In Baku entstanden unter ihrer Leitung zahlreiche Wohn- und öffentliche Gebäude, Kirchen und Industrieanlagen.


Schicksal der Deutschen in Aserbaidschan

Mit dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich die Lage der Deutschen in Aserbaidschan. 1914 verbot die zaristische Regierung deutschen Staatsbürgern den Landbesitz. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches 1917 erlebten die deutschen Siedler eine kurze Phase der Erholung. Die neu gegründete Demokratische Republik Aserbaidschan (1918-1920) garantierte bürgerliche Rechte und einen Parlamentssitz für die deutsche Gemeinschaft. Lorenz Kuhn, Leiter der deutschen Gemeinde Helenendorf, wurde als ihr Vertreter ins Parlament gewählt.

Die sowjetische Machtübernahme 1920 brachte erneute Unsicherheiten. In den 1930er Jahren eskalierten politische Repressionen gegen die Deutschen. Helenendorf wurde 1938 in Khanlar umbenannt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1941 ordnete Stalin die Deportation der deutschen Bevölkerung nach Zentralasien an. Fast 25.000 Deutsche aus Aserbaidschan wurden gewaltsam in die Steppen und Wüsten Kasachstans vertrieben.

Erinnerung und heutige Bedeutung

Obwohl acht Jahrzehnte vergangen sind, bleibt das deutsche Erbe in Aserbaidschan lebendig. Die Deutschen hinterließen eine bleibende Erinnerung an ihre harte Arbeit, ihren Anstand und ihr kulturelles Erbe. Aserbaidschan ist für seine Toleranz bekannt und setzt sich aktiv für den Erhalt der historischen und kulturellen Denkmäler aus der deutschen Siedlungszeit ein. Die Stadt Göygöl, ehemals Helenendorf, gilt als Symbol der aserbaidschanisch-deutschen Freundschaft. 2008 wurde die deutsche Kirche nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten feierlich wiedereröffnet, finanziell unterstützt durch die Bundesregierung.

2017 feierte die UNESCO den 200. Jahrestag der deutschen Ansiedlung in Aserbaidschan. Im selben Jahr veröffentlichte die deutsche Botschaft das Buch „Deutsches Erbe in der Architektur Aserbaidschans“, geschrieben vom renommierten Architekturhistoriker Professor Elchin Aliyev.

Die aserbaidschanisch-deutschen Beziehungen beruhen auf einer gemeinsamen Geschichte, die über zwei Jahrhunderte zurückreicht. Heute spielen kulturelle Bindungen eine zentrale Rolle in der Zusammenarbeit beider Länder und bilden ein solides Fundament für die Zukunft.